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Hintergrund und aktuelle Diskussion
In den 1970er Jahren erschienen erste Unterrichtsmaterialien zu entwicklungspolitischen Themen für die Schulpraxis, mit dem Ziel, die Schülerinnen und Schüler in den Industrieländern über Probleme in den Entwicklungsländern aufzuklären. Zwanzig Jahre später wurde der Begriff «Globales Lernen» geprägt. Er soll verdeutlichen, dass in der Bildungsarbeit globale, vielschichtige Zusammenhänge aufgegriffen und diskutiert werden. Im Lehrplan 21, der aktuell für die Deutsche Schweiz entwickelt wird, sucht man die Verbindung von Gesundheitsbildung, Globalem Lernen, Politischer Bildung und Umweltbildung unter der Leitidee der Nachhaltigen Entwicklung zu fassen.

Von der Entwicklungspädagogik zum Globalen Lernen

Globales Lernen ist aus Theorie und Praxis der entwicklungspolitischen Bildung, jedoch ohne klare Bindung an eine Bezugswissenschaft, entstanden und beinhaltet unterschiedliche pädagogische Ansätze. Erste Anstösse kamen aus dem angelsächsischen Raum. Die älteste Definition von Global Education stammt aus dem Jahr 1976 vom New Yorker Erziehungswissenschaftler Robert G. Hanvey. Global Education, so Hanvey, beinhaltet das Lernen über wechselseitige Abhängigkeiten von ökologischen, kulturellen, ökonomischen, politischen und technologischen Systemen.

 

Im deutschsprachigen Raum tauchte Anfang der 1960er Jahre erstmals der Begriff Entwicklungspädagogik auf, eine Forschungsrichtung innerhalb der vergleichenden Erziehungswissenschaften, die sich mit Bildungsfragen in den Entwicklungsländern befasste. Mit der Gründung der Zeitschrift für Entwicklungspädagogik (ZEP) (>) im Jahr 1977 durch den Erziehungswissenschaftler Alfred K. Treml erweiterte sich der Forschungsgegenstand um die Bildung in den Industriestaaten über den Gegenstandsbereich der Dritten Welt. (>) Gleichzeitig begannen die Träger der Entwicklungszusammenarbeit, Unterrichtsmaterialien zu entwicklungspolitischen Themen herauszugeben. Diese hatten zum Ziel, die Schüler/innen in den Industrieländern über Probleme in den Entwicklungsländern aufzuklären, sowie strukturelle Zusammenhänge zwischen Über- und Unterentwicklung aufzuzeigen. Kritisiert wurde an diesem entwicklungspolitischen Bildungsansatz, dass er zu sehr das Nord-Süd-Gefälle in den Mittelpunkt rücke und Menschen in den Entwicklungsländern vorwiegend als hilfsbedürftig erscheinen lasse.

 

Seit Ende der 1980er Jahre dreht sich die Diskussion in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit zunehmend um globale, vielschichtige Zusammenhänge und deren Herausforderungen, was sich in den neu verwendeten Begriffen Eine-Welt-Pädagogik und Globales Lernen spiegelt. (>)

 

Um zwischen Theorie und Praxis zu vermitteln, legte das Schweizer Forum «Schule für eine Welt» einen Katalog mit Lernzielen vor und beeinflusste damit im deutschen Sprachraum die Diskussion über das Globale Lernen (>). In seinem Bericht «Globales Lernen – Anstösse für die Bildung in einer vernetzten Welt» von 1996 wird betont, dass in der Schule nicht mehr die Frage im Vordergrund stehe, ob man mit einer globalen Weltsicht unterrichten solle, sondern vielmehr wie dies zu geschehen habe. Folgerichtig werden in der Publikation methodisch-didaktische Grundsätze hergeleitet, die für Globales Lernen entscheidend sind:

  • Denken in Zusammenhängen

  • Lernen von der Zukunft

  • soziales/ teilhabendes Lernen

  • personenzentriertes Lernen 

  • Lernen in konkreten Situationen 

  • ganzheitliches Lernen

Zur Umsetzung dieser Grundsätze brauche es, so die Autorinnen und Autoren, Veränderungen auf der Ebene der Bildungsstrukturen, der Lehrpläne, der Lehrerinnen- und Lehrerbildung, der Lehrmittel, der Lernorte und des Unterrichts. Beispielsweise fordern sie für künftige Lehrpläne, dass diese sich an den Zielen des Globalen Lernens, den Prinzipien des vernetzten Denkens und dem Erwerb von Fähigkeiten und Fertigkeiten orientieren.

Die aktuelle Diskussion

Inzwischen gibt es zum Globalen Lernen zahlreiche Veröffentlichungen. Auf der einen Seite wird in Deutschland und Österreich eine erziehungswissenschaftliche Diskussion geführt, die sich in der Zeitschrift ZEP verfolgen lässt. Zum anderen entwickelten verschiedene Organisationen Praxisbeispiele, die den Lehr­personen die Umsetzung im Unterricht veranschaulichen und erleichtern sollen. In Deutschland wurde mit dem «Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung» (>) Lehrplanarbeit geleistet. Er wird aktuell für die didaktische Umsetzung auf verschiedenen Schulstufen konkretisiert. Zielt der hier vertretene Ansatz in erster Linie auf den Erwerb von Kompe­tenzen zur Orientierung und zur Übernahme von Verantwortung in einer globalisierten Welt, so geht ein Kreis von Erziehungswissenschaftlerinnen um Annette Scheunpflug (>) von einer systemtheoretischen Analyse der Weltgesellschaft aus. Dieser problematisiert die Orientierung des Menschen auf seinen Nahbereich, der für ihn unmittel­bar erfahrbar ist. Dieser Fokus verführt dazu, in erster Linie nahe – sinnlich wahrnehmbare – Probleme lösen zu wollen, während grössere Zusammenhänge, komplizierte Wechselwirkungen und unerwünschte Folgeerscheinungen nicht mit in Betracht gezogen werden. Daraus lässt sich die Notwendigkeit ableiten, über Zusammenhänge in einer Weltgesellschaft zu lernen, die für das Individuum nicht hautnah erfahrbar sind.(>)

Stiftung Bildung und Entwicklung

In die aktuelle Diskussion fügt sich auch die 1997 gegründete Stiftung Bildung und Entwicklung (SBE) als Fachstelle für Globales Lernen in der Schweiz. Die pädagogischen Ausrichtungen der SBE unterscheiden sich je nach Sprachregion, stimmen aber in ihren Grundzügen überein. Während in der lateinischen Schweiz, wo Globales Lernen als Konzept keine Tradition hat, mit dem Begriff der «Education à la citoyenneté mondiale» resp. «Educazione alla cittadinanza mondiale» (übersetzt etwa «Bildung zur Weltbürgerin/zum Weltbürger sein») gearbeitet wird, stützt sich die SBE in der deutschen Schweiz auf Globales Lernen. Gemeinsam sind den Ansätzen in allen drei Sprach­regionen die Thematisierung von weltweiten Zusammenhängen, die Auseinandersetzung mit Stereotypen und Vorurteilen sowie die Orientierung an Nachhaltiger Entwicklung und an den Menschenrechten.

Lehrplan 21

In den aktuell gültigen Lehrplänen für die Volksschule der Deutschschweiz ist Globales Lernen nicht explizit benannt. Sucht man hingegen unter den Begriffen Nachhaltige Entwicklung, Menschenrechte, kulturelle Vielfalt, Friedenserziehung und Nord-Süd-Beziehungen wird man fündig. In einer vergleichen­den Analyse von kantonalen Lehrplänen der Sekundarstufe I (>) kommen die   Autorinnen zum Schluss, dass Anknüpfungspunkte für Globales Lernen vor allem in den Bereichen kulturelle Vielfalt und Nachhaltige Entwicklung bestehen.

Anders verhält es sich mit dem Lehrplan 21, der zurzeit für die gesamte Deutschschweiz entwickelt wird. Hier wird die Verbindung von Gesundheitsbildung, Globalem Lernen, Politischer Bildung und Umweltbildung unter der Leitidee der Nachhaltigen Entwicklung zu fassen versucht. Kompetenzbeschreibungen zu diesen Bereichen sollen dereinst in passenden Fächern eine Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) abbilden.

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